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Senecio inaequidens

1 Beschreibung der Art

Senecio inaequidens DC. (Asteraceae), Schmalblättriges Greiskraut

1.1 Aussehen

Das Schmalblättrige Greiskraut ist ein 20-60 cm hoher Halbstrauch. Die stark verzweigten Stängel sind am Grunde verholzt. Seine Blätter werden 1-3(-7) mm breit u. 6-7 cm lang. Sie sind linealisch, ganzrandig oder fein gezähnt, am Rand oft umgerollt. Die hellgelben Köpfchen erreichen 20-25 mm im Durchmesser und sind von 10-20 häutigen Außenhüllblättern umgeben und bestehen aus 10-15 Zungenblüten. Senecio inaequidens blüht etwa von Juli bis Dezember, hierbei handelt es sich um zwei Blühphasen, die erste dauert von Mai-Juli, die zweite von September bis Dezember . In den letzten Jahren wurde in manchen Gebieten, so auch in Nordwestdeutschland, eine kontinuierliche Verfrühung des Blühzeitpunkts beobachtet.

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1.2 Taxonomie

Senecio inaequidens wurde anfangs in Europa unter verschiedenen Namen geführt (z.B. S. lautus, S. harveianus, S. vimineus, S. reclinatus), die heute bezogen auf europäische Vorkommen als synonym gelten, aber in neuerer Literatur nicht mehr genannt werden.


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1.3 Herkunftsgebiet

Die Art stammt aus Südafrika. Sie besiedelte ursprünglich im "Highveld" zwischen 1400 und 2860 m steinig-felsige Partien der steilen, feuchten Grasland-Hänge und steinige Ufer von Fließgewässern. Heute kommt die Art auch auf anthropogenen Standorten, wie Brandflächen und Ruderalstellen, an Straßenrändern etc. vor und ist im gesamten südlichen Afrika weit verbreitet. Sie besiedelt dabei ein weites Spektrum an Standorten von trocken bis nass, steinig bis tonig, offen bis beschattet.

1.4 Biologie

Die Samen werden mit dem Wind ausgebreitet. In Massenbeständen werden "riesige Samenmengen" erzeugt. Da die Samen durch Luftverwirbelungen an Autobahnen, Eisenbahnen etc. weiter getrieben werden und auch an Fahrzeugen anhaften (z.B. in Reifenprofilen), breitet die Art sich vor allem an Straßen und Bahnstrecken aus. Straßenferne Neufunde deuten auch auf die Möglichkeit des Samentransportes mit Vögeln hin. Eine Ausbreitung erfolgt aber auch durch den Menschen, beispielsweise durch den Transport von Baumaterial. Die in jüngerer Zeit beobachtete Vorverlegung der Blüh- und Fruchtphase mit der damit einhergehenden Verlängerung der generativen Phase könnte die Ausbreitung in Europa fördern. Senecio inaequidens scheint außergewöhnlich resistent gegen Herbizide und verträgt Mahd sehr gut.

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2 Vorkommen in Deutschland

2.1 Einführungs- und Ausbreitungsgeschichte / Ausbreitungswege


Senecio inaequidens wurde mit Schafwolle aus Südafrika an verschiedene Orte in Europa eingeschleppt. In Deutschland wurde die Art erstmals 1889 bei einer Wollkämmerei in Hannover-Döhren belegt. Seit den 50er Jahren schreitet eine Expansionswelle aus Belgien nach Osten voran, die ca. 1970 Deutschland erreicht hat. Nachdem sie zunächst auf den Westen Deutschlands beschränkt war, besiedelte sie in den 90er Jahren auch östliche Bundesländer. Die Ausbreitung fand überwiegend entlang von Schienen und Straßen statt. Seit 1979 ist die Art auch von den Ostfriesischen Inseln bekannt, wo sie sich anfangs auf Ruderalstellen und seit etwa 2000 zunehmend in die Küstendünen ausbreitet. 1980 wurde sie auf Scharhörn und um 2000 auch auf Ruderalstellen auf Sylt gefunden.

2.2 Aktuelle Verbreitung und Ausbreitungstendenz

Die Ausbreitung der Art vor allem im Osten und Norden dauert an. Heute ist Senecio inaequidens im Westen allgemein verbreitet, im Osten gibt es nur noch kleinere Verbreitungslücken.

 Verbreitungskarte aus FloraWeb

2.3 Lebensraum

In Deutschland wächst die Art vorwiegend auf warmen und trockenen Ruderalstandorten mit kiesigen oder sandigen Böden. Ein Schwerpunkt sind Verkehrsflächen, wie Bahngleise, Autobahnmittelstreifen und Straßenränder. Dabei wächst sie auch auf vorher kaum von anderen Arten bewachsenen Flächen, etwa auf Bahnschotter oder Abraumhalden. In Frankreich dringt sie auch in Weideland ein, besonders nach Überweidung. Daneben werden seltene natürliche oder naturnahe Lebensräume besiedelt wie Küstendünen der Nordsee und Felsstandorte (z.B. Vulkanschotter des Rodderbergs bei Bonn, Mittelrheintal).

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2.4 Status und Invasivität der Art in benachbarten Staaten

In Frankreich gilt die Art besonders im Süden als Naturschutzproblem und dringt auch als Unkraut in Weinberge und in Weiden ein. In der Schweiz steht sie auf der "Grauen Liste" der lokal problematischen Arten. In Italien ist die Art schon seit den 70er Jahren häufig und ist von dort aus auch nach Österreich vorgedrungen. Auch in Belgien und den Niederlanden ist sie z.T. weit verbreitet. In Kopenhagen (Dänemark) wurde S. inaequidens 1988 im Hafengebiet und in Oslo (Norwegen) 1995 auf Bahnanlagen erstmals nachgewiesen.

3 Auswirkungen

Anscheinend geht bei uns von Senecio inaequidens bisher keine Gefahr für die Pflanzenwelt aus. Dies wird unterstützt durch die Beobachtung, dass die Art im Lauf der ungestörten Sukzession zurückgeht. Dennoch ist wegen des Potentials zum Aufbau von Massenbeständen eine Gefährdung einheimischer Arten an naturnahen Felsstandorten nicht völlig auszuschließen. Hier könnten auch Arten von großem Naturschutzinteresse (z.B. Lactuca perennis) betroffen sein. Wo Flächen regelmäßig gestört werden, hält sich die Art dauerhaft.

3.1 Betroffene Lebensräume

Bestände von Senecio inaequidens, die Konkurrenzdruck auf andere Pflanzen ausüben können, kommen vor allem auf Ruderalflächen vor. Auch Felsstandorte mit lückiger Vegetation können betroffen sein. Seit 1979 hat sich S. inaequidens in natürlichen Küstendünen, vor allem in Strandhaferfluren und Sanddorngebüschen, etabliert. Inwieweit andere Küstenarten zurückgedrängt werden, ist vorerst nicht abzuschätzen. In Deutschland wurde bisher kein Auftreten der Art in Getreidefeldern beobachtet, dies ist aber möglich und könnte wegen der Giftigkeit der Pflanze bedrohlich sein.

3.2 Tiere und Pflanzen

Als herdenbildende mehrjährige Pflanze könnte Senecio inaequidens kleinwüchsige kurzlebige Pflanzen durch Beschattung beeinträchtigen, zumal sie durch unspezifische Bekämpfungsmaßnahmen (Mahd, Herbizide) selektiv gefördert wird. Bei Massenauftreten können auch lokale Verschiebungen der Dominanzverhältnisse größerer Arten, z.B. zuungunsten von Epilobium angustifolium, E. hirsutum oder Cirsium arvense erfolgen. Im Verlauf ungestörter Sukzession geht die Art aber wieder zurück.

Das Spektrum an Phytophagen (bes. Käfer, Schmetterlinge und Dipteren) ist wesentlich geringer als bei der heimischen, aber andere Standorte besiedelnden Art Senecio jacobea.

3.3 Ökosysteme

Bisher sind keine Auswirkungen bekannt oder vorhersehbar.

3.4 Menschliche Gesundheit

Die ganze Pflanze ist giftig. In Südafrika tritt die Art als Ackerunkraut auf und gelangt dort auch immer wieder in die Brotproduktion, was auch tödliche Vergiftungen bei Menschen auslösen soll.

3.5 Wirtschaftliche Auswirkungen

Wirtschaftliche Auswirkungen wurden in Deutschland bisher nicht beobachtet. Ein Auftreten der Art als Ackerunkraut ist denkbar und könnte wegen der Giftigkeit den Getreideanbau beeinträchtigen.

4 Maßnahmen

Zur Zeit scheint wegen der geringen Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt kein Handlungsbedarf zu bestehen. Besonders im Bereich naturnaher Felsstandorte und Küstendünen sollte die Entwicklung aber genau beobachtet werden, da eine weitere Erhöhung der Fundortzahl und Verdichtung der Bestände zu Beeinträchtigungen führen könnte. Wenn eine Tendenz zu Dominanzbeständen oder das Eindringen in offene Graudünenbereiche zu erkennen ist, sollten die Pflanzen entfernt werden.

4.1 Vorbeugen

Das Ausbringen von gebietsfremden Pflanzen in der freien Natur ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§ 40 Abs. 4) grundsätzlich genehmigungspflichtig. S. inaequidens wird allerdings anscheinend nicht absichtlich ausgebracht, sondern allenfalls z.B. in Gärten „geduldet“. Auch die Ausbreitung durch Wind und Fahrzeuge kann kaum sinnvoll beeinflusst werden.

4.2 Allgemeine Empfehlungen zur Bekämpfung

Bisher liegen keine Erfahrungen mit artspezifischer Bekämpfung vor. An naturschutzwürdigen Standorten (naturnahe Felsstandorte, Küstendünen) sollten wegen der möglichen Gefahr für die Pflanzenwelt Einzelpflanzen entfernt werden, bevor sich Massenbestände etablieren können. Ein konsequentes Monitoring ist dabei wichtig, um Erfolge der Bekämpfung einzuschätzen.

4.3 Methoden und Kosten der Bekämpfung

Bisher liegen keine Erfahrungen mit artspezifischer Bekämpfung vor. Wegen der guten Mahdverträglichkeit und der Herbizidresistenz muss zunächst in Versuchen nach Methoden gesucht werden.

5 Weiterführendes & Kontakte

5.1 Literatur & Links

  • Adolphi, K. (1997): Anmerkungen zu Senecio inaequidens DC. nach einem Aufenthalt in Südafrika. Flor. Rundbr. 31: 162-167.
  • Böhmer, H. J., Heger, T. & Trepl, L. (2001): Fallstudien zu gebietsfremden Arten. Texte des UBA 13/01: 126 S. ( pdf-Datei; 0,1 MB)
  • Böhmer, H.J. (2001): Das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens DC. 1837) in Deutschland – eine aktuelle Bestandsaufnahme. - Floristische Rundbriefe 35 (1/2): 47-54. ( pdf-Datei; 0,3 MB)
  • Bornkamm, R. & Prasse, R. (1999): Die ersten Jahre der Einwanderung von Senecio inaequidens DC. in Berlin und dem südwestlich angrenzenden Brandenburg. Verhandlungen des Botanischen Vereins von Berlin und Brandenburg 132: 131-139.
  • Bornkamm, R. (2002): Die weitere Ausbreitung von Senecio inaequidens DC. in Berlin und dem südwestlich angrenzenden Brandenburg in den Jahren 1998-2002. Verhandlungen des Botanischen Vereins von Berlin und Brandenburg 135: 24-40.
  • Heger, T. & Böhmer, H.J. (2005): The invasion of central Europe by Senecio inaequidens DC – a complex biogeographical problem. – Erdkunde 59: 34-49. ( pdf-Datei; 0,9 MB)
  • Kuhbier, H. & Weber, H.E. (2003): Senecio inaequidens DC. als Bestandteil der natürlichen Dünenvegetation auf den Ostfriesischen Inseln. - Tuexenia 23: 367-371.
  • Schmitz, G. & Werner, D.J. (2000): The importance of the alien plant Senecio inaequidens DC. (Asteraceae) for phytophagous insects. - Zeitschrift für Ökologie und Naturschutz 9 (3): 153-160.
  • Werner, D., Rockenbach, T. & Hölscher, M.-L. (1991): Herkunft, Ausbreitung, Vergesellschaftung und Ökologie von Senecio inaequidens DC. unter besonderer Berücksichtigung des Köln-Aachener Raumes. - Tuexenia 11: 73-107.

 

5.2 Kontakte

Dr. Tina Heger, Technische Universität München, Lehrstuhl für Landschaftsökologie, Am Hochanger 6, 85350 Freising [ Kontakt]

Dr. Maike Isermann, Universität Bremen, Vegetationsökologie und Naturschutzbiologie, Leobener Straße, 28359 Bremen, [ Kontakt] (Küstengebiete)

Dr. Hans Jürgen Böhmer, Interdisziplinäres Latainamerikazentrum der Universität Bonn, Walter-Flex-Straße 3, 53113 Bonn [ Kontakt]

Prof. Dr. Klaus Adolphi, Universität zu Köln, Institut für Biologie und ihre Didaktik - Botanik - Gronewaldstraße 2, 50931 Köln [ Kontakt]

5.3 Autoren

Dieser Artensteckbrief wurde 2005 erstellt von:

Dr. Uwe Starfinger & Prof. Dr. Ingo Kowarik, Institut für Ökologie der
TU Berlin [ Kontakt] und Dr. Maike Isermann, Vegetationsökologie und Naturschutzbiologie der Universität Bremen [ Kontakt]

letzte Aktualisierung: 18.11.2013 ( Stefan Nehring)