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Bunias orientalis

1 Beschreibung der Art

Bunias orientalis L. (Brassicaceae), Orientalisches Zackenschötchen

1.1 Aussehen

Mehrjährige Staude, 40-150 cm hoch, oben stark verzweigt, Seitenäste spreizend. Oberer Stängelteil und Blütenstand (rot) drüsig-warzig. Untere Blätter gestielt, tief fiederteilig, mit großem, 3-eckigem oder spießförmigem Endabschnitt. Obere Blätter sitzend, meist ungeteilt, kleiner. Kronblätter gelb, 5-8 mm lg. Schötchen 5-10 mm lang, mit unregelmäßigen Höckern. Von der bei uns selten und meist unbeständig vorkommenden Verwandten Bunias erucago L. an den größeren Blütenblättern, aufrechten Seitenästen und lang geschnäbelten Früchten zu unterscheiden.

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1.2 Taxonomie

Die in der älteren Literatur genannten Synonyme (Myagrum taraxacifolium Lam., Rapistrum glandulosum Bergeret und Laelia orientalis Desv.) spielen heute keine Rolle mehr. Die nächst verwandte Gattung ist die anatolische Boreava, die auch mit einer Art vorübergehend in Deutschland eingeschleppt wurde.

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1.3 Herkunftsgebiet

Das Areal von B. orientalis reicht von Sibirien bis nach Ost- und Südosteuropa, die Vorkommen südöstlich von Wien gelten noch als möglicherweise natürlich.

1.4 Biologie

Bunias ist eine mehrjährige (> 10 J.), raschwüchsige Staude, die bereits im Jahr nach der Keimung zur Blüte gelangen und an nährstoffreichen Störungsstellen schneller als mögliche Konkurrenten dichte Populationen aufbauen kann. Bodenstörungen fördern die vegetative Regeneration der Pflanzen, aber auch die Keimungsaktivität, die bis in den Sommer hineinreicht. Bunias wird somit durch Störungen gefördert, kann aber auch in ausdauernder Vegetation überdauern, sofern sie nicht beschattet wird. Als Halb-Rosettenpflanze braucht sie viel Licht. Ihre Vorkommen konzentrieren sich daher auf frühe bis mittlere Sukzessionsstadien mit mittlerer und hoher Ressourcenverfügbarkeit und auf Standorte, an denen anthropogene Nutzungen oder Störungen die Konkurrenz beschattender Arten vermindern. Dies ist z. B. auf Wiesen der Fall. Hier wird Bunias durch die Mahd zudem indirekt begünstigt, da ein zweiter Wachstumsschub im Herbst Vorteile gegenüber der Begleitvegetation bietet. Auch wenn öfter als zweimal pro Jahr gemäht wird, kann Bunias mehrere Jahre überdauern.Die zahlreich gebildeten Samen fallen zwischen Juli und dem folgenden Frühjahr aus, werden aber durch natürliche Medien nicht weit transportiert. Fernausbreitung findet dagegen durch Transport von Erdmaterial statt, das Samen oder Wurzelfragmente enthält. Samen bleiben mehrere Jahre im Boden keimfähig.

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2 Vorkommen in Deutschland

2.1 Einführungs- und Ausbreitungsgeschichte / Ausbreitungswege

Bunias orientalis hat sich in den vergangenen 200 Jahren mit zunehmender Tendenz über weite Teile Europas ausgebreitet. Sie wurde früher als Futterpflanze angebaut. Bunias orientalis wird auch heute noch als Gartenpflanze angeboten, ihre jungen Blätter sollen wie die anderer Rauken essbar sein. Die Massenvorkommen an Straßenrändern gehen wahrscheinlich nicht hierauf, sondern auf den anthropogenen Transport von Diasporen mit Bodenmaterial zurück.

2.2 Aktuelle Verbreitung und Ausbreitungstendenz

Bis in das zweite Drittel des 20. Jh. werden regelmäßig Einzelfunde, vor allem von Ruderalstellen gemeldet. Seit etwa 20 Jahren verstärkt sich die Ausbreitung. In Thüringen nimmt Bunias seit 1940 zu. Dominanzbestände werden aber erst nach 1980 bemerkt. Massenvorkommen, besonders an Straßenrändern, konzentrieren sich auf die warmen Muschelkalkgebiete Nordbayerns, Hessens und Thüringens. Auch in die Lössgebiete Mitteldeutschlands dringt sie vor. Sie kommen durch anthropogenen Transport von Samen und Wurzelfragmente zustande, aus denen sich die Pflanze gut und deutlich besser als einheimische Konkurrenten regenerieren kann.

 Verbreitungskarte aus FloraWeb

2.3 Lebensraum

Bunias kam bei uns zunächst nur an Straßenrändern, auf Äckern, an Ruderalstellen und an Ufern vor. In jüngerer Zeit ist sie auch in Weinberge und Grünland vorgedrungen, darunter auch in thermophile Trockenrasen. Sie bevorzugt sommerwarme Standorte mit nährstoffreichen Böden und wird durch anthropogene Nährstoffanreicherung begünstigt.

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2.4 Status und Invasivität der Art in benachbarten Staaten

Bunias orientalis kommt in vielen europäischen Ländern vor. In Teilen der Schweiz ist sie häufig und wird dort auf der vorläufigen "Watch-List" besonders zu beachtender Neophyten geführt. In Österreich kommt die Art in allen Bundesländern etabliert vor, sie wird dort bisher für nicht bedrohlich gehalten. In Schweden ist sie bereits von Linné 1768 gefunden worden, sie ist heute dort zerstreut vorhanden.

3 Auswirkungen

Dominanzbestände können besonders in anthropogen gestörter Vegetation auftreten und dort andere Pflanzenarten verdrängen. Bodenverletzungen können günstige Voraussetzungen zum Ausreifen und Keimen von Samen bilden, so dass späte Mahd- oder Weidetermine, z.B. nach dem 15. Juni sowie Mulchen die Etablierung der Pflanzen fördern können. Bei ausbleibender Landnutzung wird die Art im Laufe der Sukzession auf mittlere Sicht von Büschen und Bäumen verdrängt.

3.1 Betroffene Lebensräume

Problematische Auswirkungen treten vor allem in Wiesenhabitaten auf. Betroffen sind Grünland, Böschungen, Weg- Straßen- und Feldränder, Ruderalflächen, Weinberge, aber auch trockene Wiesen und Halbtrockenrasen. Bunias kann dort dauerhafte Dominanzbestände bilden.

3.2 Tiere und Pflanzen

Die Art kann dichte Bestände bilden, in denen umso weniger andere Pflanzenarten vorkommen, je größer die Deckung von Bunias wird. An Straßenrändern sind hiervon überwiegend weit verbreitete Arten betroffen. Im Grünland und besonders in Trockenrasen können auch naturschutzwürdige Pflanzen mit der Zeit verdrängt werden. Bunias ist wegen ihrer zahlreichen nektarspendenden Blüten (bis zu 2000 pro m² in Dominanzbeständen) eine wertvolle Futterquelle für verschiedene Bienen und Hummeln. Dies kann zur Konkurrenz um Bestäuber und damit zu Nachteilen für einheimische Pflanzen führen.

3.3 Ökosysteme

Über die beschriebenen Wirkungen auf die Sukzession hinaus sind keine Auswirkungen bekannt geworden.

3.4 Menschliche Gesundheit

Keine Auswirkungen bekannt oder zu erwarten.

3.5 Wirtschaftliche Auswirkungen

Wirtschaftliche Auswirkungen sind zu erwarten. Bunias orientalis wird von den meisten Weidetieren wegen des scharfen, rettichartigen Geschmackes gemieden und meist nur gefressen, wenn bessere Futterpflanzen nicht zur Verfügung stehen. In Dominanzbeständen werden Gräser als Futtergrundlage verdrängt, was eine Wertminderung zur Folge hat, die bisher allerdings nicht quantifiziert wurde. Wiesen mit Bunias eignen sich nur bedingt zur Heugewinnung. Die dicken Stängel trocknen nur langsam und können gefährliche Schimmelherde in Heuballen verursachen. Aufgrund der Bildung tiefer Pfahlwurzeln und hoher Regerenationsfähigkeit ist Bunias ähnlich schwer zu bekämpfen wie z.B. Ampferarten. Entsprechende Kosten fallen an, um Grün- und Ackerland zu behandeln, sind bisher aber nicht quantifiziert. In der ökologischen Landwirtschaft kann es zu erheblichen Problemen kommen, da es bisher keine Möglichkeiten der maschinellen mechanischen Bekämpfung gibt und manuelles Vorgehen kosten- und zeitaufwendig ist. Ein gehäuftes Auftreten von Wühlmäusen, welche die Wurzeln fressen, ist beobachtet worden. Die Pfahlwurzeln bieten an Böschungen und im Uferbereich von Gewässern keinen guten Schutz vor Erosion wie z.B. das feinverzweigte Wurzelwerk von Gräsern.

4 Maßnahmen

Massenvorkommen entstehen besonders durch Störungen, an die Bunias besser angepasst ist als ihre Konkurrenten. In der Verminderung von Störungen liegt deshalb eine wichtige Grundlage zum Zurückdrängen der Art. Bekämpfungsversuche mit ungeeigneten Methoden fördern die Art, da sie störungstoleranter ist als ihre Konkurrenten. Bunias ist per se schwach in der Fernausbreitung, da die Samen nicht durch Wind fortgetragen werden. Die Fernausbreitung geschieht fast ausschließlich mit Hilfe des Menschen. Durch Umstellung auf ein geeignetes Management und ein Bewusstsein für die Ausbreitungswege könnte die weitere Ausbreitung der Pflanzen relativ leicht verhindert werden.

4.1 Vorbeugen

Das Ausbringen von gebietsfremden Pflanzen in der freien Natur ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§ 40 Abs. 4) grundsätzlich genehmigungspflichtig. Die Besiedlung neuer Flächen geschieht fast ausschließlich mit Hilfe des Menschen. Erdaushub aus dem Bereich von Bunias-bewachsenen Standorten sollte nicht in der gegenwärtig üblichen Praxis abgefahren und (nach zentraler Deponierung) wieder verteilt werden. Mähgeräte müssen nach Einsatz in Bunias-Beständen gereinigt werden und Mähgut fachgerecht kompostiert oder entsorgt werden.

4.2 Allgemeine Empfehlungen zur Bekämpfung

Da die Bekämpfung aufwändig ist und mehrere Jahre dauert, müssen Maßnahmen entsprechend langfristig geplant und durchgeführt werden. Einmalige Bekämpfungsmaßnahmen sind wirtschaftlich nicht sinnvoll, da die Bestände sich rasch regenerieren und kein Fortschritt erreicht wird. Durch Bekämpfungsversuche wie falsche Mahdregimes wird die Art im Gegenteil noch gefördert. Wo Bekämpfung notwendig erscheint, sollte die erste Mahd gegen Ende der Blütezeit erfolgen, in durchschnittlichen Jahren in der zweiten Maihälfte. Es ist darauf zu achten, dass nicht zu früh gemäht wird, da die Pflanzen schnell wieder austreiben und neue Blüten bilden. Der größte Kosten-Nutzen besteht bei der Entfernung einzelner Pionierpflanzen und kleinerer Bestände, von denen eine weitere Besiedlung in die Fläche ausgehen kann. Um eine eventuelle Nachreifung zu verhindern, muss Anfang Juli ein zweites Mal gemäht werden. Um Bunias orientalis dauerhaft zu entfernen, müssen die Pfahlwurzeln tief ausgestochen werden, am besten mit einem Unkrautstecher mit langem Stiel.

Problematisch ist das Mulchen. Neben der Möglichkeit des Verbleibs eventuell schon keimfähiger Samenkapseln begünstigt die Mulchschicht die Keimung bereits vorhandener Samen. Eine Beweidung ist nur bedingt zur Ausbreitungsverhinderung geeignet, da der Weidetermin kaum zeitgerecht eingehalten werden kann. Durch Weidetiere werden Pflanzen teilweise umgetreten und können so (am Boden liegend) ausreifen. Stark beweidete Flächen fördern, wie jegliche Bodenverletzungen, das Aufgehen von Samen erheblich.

Große Bestände sind mechanisch schwer zu kontrollieren. Bei ihnen ist abzuwägen, ob das Durchlaufenlassen der Sukzession zu Busch- und Baumbeständen eine sinnvolle Lösung darstellen könnte. Bunias orientalis unterliegt im Laufe der Sukzession konkurrenzstärkeren Arten und tritt bei Verbuschung schneller zurück, als wenn regelmäßig gemäht wird. Sukzession ist allerdings keine geeignete Option für Offenland-Habitate, was schutzwürdige Magerrasen und z.B. Straßenböschungen betrifft, die sich nicht zu Wäldern entwickeln können oder sollen.

4.3 Methoden und Kosten der Bekämpfung

Durch zeitgerechtes Mähen kann die weitere Ausbreitung von Bunias orientalis verhindert werden, allerdings wachsen die mehrjährigen Pflanzen schneller weiter als die umgebenden Arten. Auch Pflügen, Umgraben und Fräsen führt zu keinem Rückgang dieser Art, sondern durch Wurzelfragmentierung und Einarbeitung der Samen eher zu einer Verdichtung der Bestände. Um Bunias orientalis dauerhaft zu entfernen, müssen die Pfahlwurzeln tief ausgestochen werden, am besten mit einem Unkrautstecher mit langem Stiel. Da die Wurzeln älterer Pflanzen sehr lang und nicht komplett zu entfernen sind, können sie wieder austreiben. Deshalb muss diese Arbeit ein- bis zweimal wiederholt werden, bis sich die Regenerationsfähigkeit erschöpft hat. Da in der Erde verbliebene Samen noch über viele Jahre keimfähig sind, muss währenddessen mit dem Wachstum der vielfachen Menge neuer Pflanzen gerechnet werden.

5 Weiterführendes & Kontakte

5.1 Literatur & Links

  • Dietz, H. & Steinlein, T. (1998): The impact of anthropogenic disturbance on life stage transitions and stand regeneration of the invasive alien plant Bunias orientalis L. In: Starfinger, U., Edwards, K., Kowarik, I. & Williamson, M. (eds.) Plant invasions: Ecological mechanisms and human responses. Backhuys, Leiden, pp 169-184.
  • Kowarik, I. (2003): Biologische Invasionen: Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Ulmer, Stuttgart; S. 146 f.
  • Steinlein, T. & Dietz, H. (2002): Don't do anything? Implications of intensive basic research for successful management of the invasive alien plant species Bunias orientalis L. (Brassicaceae). NEOBIOTA 1:159-160.
  • Steinlein, T., Dietz, H. & Ullmann, I. (1996): Growth patterns of the alien perennial Bunias orientalis L. (Brassicaceae) underlying its rising dominance in some native plant assemblages. Vegetatio 125:73-82.

 Situation in Rheinhessen und  Faltblatt zum download der Gesellschaft Mensch und Natur Rheinland-Pfalz

 Beschreibung und Bilder aus Schweden

5.2 Kontakte

Dr. Tom Steinlein, Lehrstuhl für Ökosystembiologie, Fakultät für Biologie, Universität Bielefeld;   tom.steinlein@uni-bielefeld.de

Dr. Hansjörg Dietz, Geobotanisches Institut der ETH Zürich;
 hansjoerg.dietz@env.ethz.ch

5.3 Autoren

Dieser Artensteckbrief wurde 2003 erstellt von:

Dr. Uwe Starfinger & Prof. Dr. Ingo Kowarik, Institut für Ökologie, TU Berlin
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Überarbeitung: 10.06.2014 durch Dr. Gunnar Seibt und Dr. Gunnar Brehm, Jena