Bundesamt für Naturschutz

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Klimawandel


Die Ausbreitung des Schmetterlingsstrauchs wird durch Winterfröste begrenzt (© U. Albrecht)
Die Ausbreitung des Schmetterlingsstrauchs wird durch Winterfröste begrenzt (© U. Albrecht)

Der aktuelle, anthropogen verursachte Klimawandel und die Ausbreitung gebietsfremder Arten sind zwei komplexe, hochdynamisch ablaufende Prozesse, die verschiedene Ursachen haben. Das Verhalten und die Auswirkungen beider Prozesse sind jedoch nicht völlig unabhängig voneinander.

 

Paulownia tomentosa - Paulownie (© O. Angerer)
Paulownia tomentosa - Paulownie (© O. Angerer)

Konkurrenzvorteil durch Klimawandel

Der Klimawandel wirkt auf alle Arten in einer Region. Allerdings reagieren gebietsfremde Arten häufig besser auf veränderte klimatische Bedingungen, da sie oft über eine hohe Anpassungskapazität und ein großes Ausbreitungspotenzial verfügen. Sie profitieren von Lebensraumveränderungen und gehören somit in vielen Fällen zu den Gewinnern des Klimawandels. Diese Eigenschaften verleihen Neobiota einen Konkurrenzvorteil gegenüber vielen einheimischen Arten.
Hinzu kommt, dass die meisten bei uns vorkommenden Neobiota Wärme liebend sind - ein wärmeres Klima kommt ihren Ansprüchen folglich entgegen. So können sich viele schon etablierte Neobiota noch stärker ausbreiten. Und bisher nur unbeständig auftretende gebietsfremde Arten werden langfristig eigenständige Populationen aufbauen können.

Aktuelles Invasionsrisiko

Ludwigia grandiflora - Großblütiges Heusenkraut (© S. Nehring)
Ludwigia grandiflora - Großblütiges Heusenkraut (© S. Nehring)
Psittacula krameri - Halsbandsittich (© U. Albrecht)
Psittacula krameri - Halsbandsittich (© U. Albrecht)
Corbicula fluminea - Körbchenmuschel (© S. Nehring)
Corbicula fluminea - Körbchenmuschel (© S. Nehring)

Schon heute lassen sich bei gebietsfremden Arten Effekte durch Klimawandel feststellen, wie folgende Beispiele zeigen:

Die als Zierbaum gern gepflanzte Paulownie (Paulownia tomentosa) breitet sich in den letzten Jahren in urbanen Gebieten immer stärker aus. Als frostempfindliche Art profitiert sie vom Klimawandel. Das Wärme liebende Großblütige Heusenkraut
( Ludwigia grandiflora) wird in Mitteleuropa immer häufiger gefunden und breitet sich aktuell auch nach Nordeuropa aus. Ebenso wird das Vordringen immergrüner Gehölze in wintermilden Lagen, wie z.B. der Kolchischen Lorbeerkirsche (Prunus laurocerasus), mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Mildere Winter haben die Überlebenschancen der Hanfpalme (Trachycarpus fortunei) in Deutschland derart ansteigen lassen, dass sie immer häufiger ganzjährig im Freien in Gärten und Parks anzutreffen ist.

Vergleichende Untersuchungen des Reproduktionserfolgs zeigten, dass der bisher bei uns nur in einigen Städten wild lebend vorkommende Halsbandsittich (Psittacula krameri) durch steigende Temperaturen noch stärker gefördert werden wird.

Auch aquatische Arten können vom Klimawandel profitieren: Z.B. wurde die aus Asien stammende Körbchenmuschel (Corbicula fluminea) anfangs vor allem im Bereich der Kühlwasserfahnen von Kraftwerken in unseren großen Fließgewässern gefunden. Laboruntersuchungen zeigten, dass erhöhte Wassertemperaturen positiv auf die Wachstumsrate und den Fortpflanzungserfolg (2,6 bis 8-fach erhöhte Larvenanzahl) dieser gebietsfremden Muschelart wirken.

Darüber hinaus gibt es Hinweise auf weitere Prozesse, die es gebietsfremden Arten ermöglichen, über evolutive Anpassungen Fitness-Vorteile gegenüber einheimischen Arten zu erlangen. Zu nennen ist hier z.B. die Ressourcen-Mobilisation zur Erhöhung der Konkurrenzkraft bei Wegfall natürlicher Gegenspieler. Diese Mechanismen können auch hinsichtlich der Anpassungen an den Klimawandel für Neobiota von Vorteil sein.

Invasionsrisiko unter Klimawandel

Je nach Emissions- und Klimawandelszenarien wird bis zum Jahr 2100 ein Anstieg der globalen Temperatur um 1,1°C bis 6,4°C prognostiziert. Auf der Basis regionalisierter Klimamodelle ist für Mitteleuropa von einem noch stärkeren Temperaturanstieg auszugehen. Auch wird es relevante Veränderungen in der Niederschlagsverteilung geben. Biologische Invasionen werden hierdurch sehr wahrscheinlich stark profitieren, wie aktuelle Modellierungen zeigen:


Robinia pseudoacacia - Robinie (© T. Muer)
Robinia pseudoacacia - Robinie (© T. Muer)

Am Beispiel der Robinie ( Robinia pseudoacacia) konnte in Österreich gezeigt werden, dass sich das Invasionsrisiko für Trockenrasen und Trockenwälder unter Klimawandel deutlich erhöhen wird.

Projektionen der Arealveränderung neophytischer Gefäßpflanzen für Deutschland und Österreich ergaben eine signifikante Zunahme künftig klimatisch geeigneter Gebiete für die meisten untersuchten Arten sowie eine Ausweitung der Invasions-Hotspots von den städtischen Ballungsräumen hin zu den ländlichen Regionen (weitere Informationen  BfN-Skripten 275 [pdf 11,0 MB]).

Klimawandel wird insbesondere die Ausbreitung vieler invasiver Neobiota forcieren, wodurch es zu einer noch stärkeren Bedrohung von einheimischen Arten und Lebensräumen sowie naturschutzfachlich wertvollen Gebieten kommen wird.

Zusätzlich werden u.a. durch Neobiota verursachte ökosystemare Effekte, wie z.B. Änderungen von Stoffflüssen, Nahrungsnetzen und biologischen Interaktionen, an Bedeutung gewinnen und möglicherweise zu neuartigen Ökosystemen führen. Aber auch das Zusammenspiel mit anderen Faktoren, wie der Landnutzung, wird eine entscheidende Rolle für die zukünftige Zusammensetzung der Fauna und Flora Deutschlands und Europas spielen.


Ambrosia artemisiifolia - Beifußblättrige Ambrosie (© R. May)
Ambrosia artemisiifolia - Beifußblättrige Ambrosie (© R. May)

Neobiota werden sich auch im ökonomischen Sektor verstärkt negativ  bemerkbar machen:

So wird z.B. der Gesundheitssektor durch die vielfache Zunahme der allergieauslösenden Beifußblättrigen Ambrosie ( Ambrosia artemisiifolia) mit stark steigenden Kosten bei Asthma und Heuschnupfen rechnen müssen (weitere Informationen  BfN-Skripten 275 [pdf 11,0 MB]). Bereits 2003 wurden die Kosten für das deutsche Gesundheitswesen durch die Ambrosie auf jährlich rund 32 Millionen Euro geschätzt.

Vorsorge ist besser als Nachsorge

Klimawandel und der weiter steigende globale Austausch von Waren und Personen erfordern eine konsequente Umsetzung des Vorsorgeprinzips beim zukünftigen Umgang mit gebietsfremden Arten ( Neobiota und Naturschutz). Das Ziel muss sein, wie es auch das   Bundesnaturschutzgesetz im § 40 vorschreibt, die Einbringung problematischer Arten zu verhindern und, wenn dies nicht gelingt, konsequente Gegenmaßnahmen bereits zu Beginn der Ausbreitung zu ergreifen ( Maßnahmen).

Exkurs: Klimawandel und natürliche Arealveränderungen

Seit der letzten Eiszeit sind ohne Mitwirkung des Menschen viele Arten vor allem aus südlichen Refugien nach Deutschland eingewandert. Dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen und wird durch den Klimawandel eine neue Dynamik erhalten.

Handelt es sich hierbei um Arten, die in ihren Refugien als einheimisch gelten und die auf natürliche Weise ihr Areal Richtung Deutschland verändern, sollten diese Einwanderer - in Übereinstimmung mit dem  Bundesnaturschutzgesetz (§ 7 Abs. 2 Nr. 7 Satz 1) - nicht als gebietsfremd, sondern als einheimisch betrachtet werden (aktuelle Beispiele sind u.a. Feuerlibelle und Wespenspinne, aber auch an der deutschen Nord- und Ostseeküste auftauchende südliche Meeresarten wie z.B. Sardelle, Knotentang und Meerfenchel).

Als gebietsfremd sollte hierbei jedoch jede Art klassifiziert werden, die entweder schon in ihren "Refugien" als gebietsfremd gilt (Beispiel Asiatischer Marienkäfer, Harmonia axyridis, der nach Europa zur Schädlingsbekämpfung importiert wurde und sich anschließend unkontrolliert ausgebreitet hat) oder die aus ihren Refugien - auch wenn sie dort einheimisch ist - nur durch menschliche Transportmittel oder Aktivitäten eingeschleppt wird bzw. deren natürliche Ausbreitungsbarrieren durch den Menschen aufgelöst wurden (Beispiel die Zebramuschel, Dreissena polymorpha, die durch den Bau von Schifffahrtskanälen nach Nord-Europa gelangte).

Sicherlich ist die Unterscheidung nicht in allen Fällen einfach und kann manchmal nicht beantwortet werden.